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26.10.2026 | Medienkompetenz

Das Geschäft mit der Unsicherheit: Wie Social Media und KI-Tools aus Selbstzweifeln Geld machen

Der Online-Trend "Looksmaxxing" hat Social-Media-Feeds im Sturm erobert: Allein auf TikTok sammelten einschlägige Videos über 6,7 Milliarden Views im Jahr 2025. Hierbei zeigt sich eine immer stärkere Kommerzialisierung des Trends: Von wöchentlichen App-Abonnements bis zu vermeintlich professionellem Gesichtsanalyse-Service wird Teenagern suggeriert, ihr Wert und ihre Schönheit hingen von messbaren Knochenwinkeln ab. Wie funktioniert dieses Geschäftsmodell, warum geraten zunehmend auch junge Frauen in den Sog und wie lassen sich Jugendliche davor schützen?

Beim Looksmaxxing geht es darum, durch verschiedene Praktiken auf einer Skala aufzusteigen. Die Praktiken reichen von regelmäßigem Sport über die unkontrollierte Einnahme von Wachstumshormonen bis zur Bearbeitung der Gesichtsknochen mittels eines Hammers. So werden Menschen nach ihrem Aussehen verschiedenen Rängen zugeordnet. Viele Akteure*innen – sowohl in Nischenforen als auch in sozialen Netzwerken wie TikTok – nutzen die enorme Reichweite dieses Trends, um mit zweifelhaften Methoden Geld zu verdienen.

Welche Produkte werden auf Looksmaxxing-Websites beworben?

Looksmaxxing stammt ursprünglich aus einer extremen Nische des Internets, zum Beispiel aus dedizierten Looksmaxxing-Foren. Hier wird bereits seit Längerem aggressiv geworben. Teils finden sich hier vergleichsweise harmlose Produkte wie sogenannte „Heightmaxxing-Schuhe“, also Schuhe mit versteckten Einlagen zur optischen Vergrößerung.

Weitaus gefährlicher ist die Bewerbung von Peptiden. Dabei handelt es sich um chemische Botenstoffe, die in der Szene eingenommen werden und Funktionen von Wachstumsschüben bis hin zur schnelleren Muskelregeneration erfüllen sollen. Das gravierende Problem dabei ist, dass oftmals ärztlich ungeprüfte Substanzen ohne fundierte Wirkungs- und Langzeitstudien verkauft werden, die teilweise mit giftigen Fremdstoffen verunreinigt sind.

Auch Geldanlagen, vor allem im Krypto-Bereich, werden in diesen Nischenforen beworben. Dabei handelt es sich jedoch meist um Betrugsmaschen. Wer dem Hype folgt und nicht rechtzeitig verkauft, verliert unter Umständen viel Geld. Denn die Initiatoren verkaufen ihre Anteile auf dem Kurshöhepunkt, was als „Pump and Dump“-Methode bekannt ist. In der Folge verlor beispielsweise eine der bekannten Kryptowährungen der Looksmaxxing-Szene über 94 % ihres einstigen Höchstwerts.

Wie bereichern sich die Influencer der Szene an ihren Fans?

Auf TikTok hat die Looksmaxxing-Szene eine Reihe einflussreicher Influencer hervorgebracht. Neben den üblichen Werbeeinahmen greifen diese auch zu drastischen Strategien zur Monetarisierung:

  • Trainingscamps: In Trainingscamps werden beispielsweise Live-Looksmaxxing-Unterricht und Dating-Tipps zum Ansprechen von Frauen angeboten. Die Teilnahme an einem solchen Camp eines bekannten Influencers aus der Szene kostet 7.500 Dollar. Die Flugkosten nach Los Angeles sind darin nicht enthalten.
  • Bezahlte Gesichtsanalysen: Günstiger und somit sicherlich auch massentauglicher agiert ein anderer bekannter Influencer, der auf seiner Website Gesichtsanalysen für 20 Dollar anbietet.

Zunehmend auch junge Frauen im Visier

Bezahlte Gesichtsanalysen und anschließende Optimierungspläne sind schon lange kein rein männliches Phänomen mehr. Ein Unternehmen, das auf Looksmaxxing spezialisiert ist, richtet sich mit seinem Marketing beispielsweise explizit an Frauen und bietet Gesichtsanalysen für 150 Dollar an, gefolgt von Empfehlungen zur optischen Veränderung. Hierzu zählt alles, was kein direkter chirurgischer Eingriff ist, also etwa das Aufspritzen der Lippen oder die Verwendung von Botox. Für einen Aufpreis von weiteren 180 Dollar gibt es auch Empfehlungen für operative Eingriffe. Das Ergebnis sind seitenlange Mängellisten, die natürlichen Gesichtern anatomische Defizite attestieren.

Welche Masche steckt hinter KI-Rating-Apps?

Auf ähnlichen Mechanismen basiert eine wachsende Zahl von Smartphone-Apps. Sie versprechen eine vermeintlich „objektive” Vermessung des Gesichts per KI-Scan. Die zugrunde liegenden Filter finden jedoch bei jedem Gesicht Imperfektionen und Abweichungen von der Norm. Um die Anleitungen zur Behebung dieser angeblichen „Fehler“ freizuschalten, greift eine Abofalle: Oft werden wöchentlich 4 bis 5 Euro fällig, was auf das Jahr hochgerechnet mehr als 200 Euro sind.

Diese Apps werden millionenfach direkt in TikTok-Feeds beworben, sowohl über bezahlte Influencer-Werbung als auch über virale „Blackpill Edits“. In diesen werden vermeintlich unattraktive Gesichter mithilfe von App-Screenshots abgewertet und in starre Attraktivitäts-Hierarchien eingeteilt.

Warum funktioniert das Geschäft mit den Selbstzweifeln so gut?

Betrachtet man all diese Entwicklungen im Zusammenhang, wird deutlich, dass Looksmaxxing im Jahr 2026 keine obskure Nische mehr ist, sondern eine Industrie, die gezielt Selbstzweifel monetarisiert. Ob KI-Scan-App, Peptid-Händler oder Influencer-Trainingscamps – das gesamte Ökosystem lebt davon, dass die Nutzer*innen niemals fertig optimiert sind. Mehr Selbstoptimierung geht immer. Um den Optimierungszwang aufrechtzuerhalten und weitere Produkte und Abos zu verkaufen, werden immer neue „Schwachstellen“ gefunden.

Dabei sind besonders Jugendliche gefährdet, denn für die Looksmaxxing-Szene sind sie eine besonders attraktive Zielgruppe. Die Pubertät ist von Unsicherheit, körperlichen Veränderungen und der Angst vor sozialer Ablehnung geprägt. Hier setzen viele Geschäftspraktiken an: Den Jugendlichen wird vorgegaukelt, sie könnten Zuneigung, Anerkennung und Erfolg durch Klicks, Abos oder Eingriffe käuflich erwerben.

Wie können Eltern und Lehrkräfte Jugendliche schützen?

  • Verkaufsmechanismen entlarven: Sprechen Sie mit Heranwachsenden über die wirtschaftliche Logik: Eine App oder ein Coach verdient nur dann Geld, wenn Nutzer*innen sich unvollkommen fühlen. Eine Bestnote würde das Geschäftsmodell zerstören.
  • Kosten und Abonnements prüfen: Behalten Sie In-App-Abrechnungen im Blick. Wöchentliche Kleinstbeträge für KI-Scans summieren sich schnell unbemerkt.
  • Pseudowissenschaft hinterfragen: Entlarven Sie die vielen pseudowissenschaftlichen Behauptungen, mit denen Looksmaxxing-Produkte beworben werden. Begriffe aus der Gesichtschirurgie sind in sozialen Medien oft reine Marketinginstrumente.
  • Ein positives Menschenbild stärken: Im Kern basiert Looksmaxxing auf einem zynischen Weltbild voller Selbstzweifel und der Abwertung anderer. Setzen Sie den bewusst Gegenentwürfe entgegen: Vermitteln Sie, dass gute Beziehungen auf Empathie und Respekt beruhen und nicht auf Knochenwinkeln oder Gesichtsfettanteilen.
  • Beratungsstellen nutzen: Wenn der Optimierungsdruck zu dauerhafter Isolation, Diätwahn oder depressiven Phasen führt, bietet die Nummer gegen Kummer unter der Rufnummer 116 111 eine anonyme und kostenfreie Beratung für Kinder und Jugendliche. Auch ein Elterntelefon ist unter der Nummer 0800 111 0 550 erreichbar. Neben der telefonischen Beratung kann die Nummer gegen Kummer auch per Chat und E-Mail kontaktiert werden.

Wir bedanken uns bei Christopher David für diesen Artikel. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Gebiet „Online Trust & Safety“ am Institut für digitale Innovation (IDI) an der Hochschule Neu-Ulm.


Quelle: klicksafe (Link zu externer Webseite)

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